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archiv

„Der Mensch verschwindet wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand.“
(Michel Foucault) 

In „Dunkel lockende Welt“ ist Marcel Tobler, Chirurg und Freund der jungen Ärztin Corinna Schneider, „verschwunden“. Vermieter Joachim Hufschmied verstrickt Corinna in eine Plauderei, die einem subtil geführten Verhör gleichkommt und scheinbar harmlos mit der Wohnungsübergabe beginnt — Joachim staunt über das bilderlose, von allen Spuren befreite und von Corinna „klinisch rein“ geputzte Haus, aus dem sie auszuziehen im Begriff ist, um ihrem Freund nach Peru zu folgen. Im Verlauf des Gesprächs geht es um Totenrituale auf Madagaskar, das Elend der Kranken in Peru, Eis und Kälte in Finnland, um Afrika, die „dunkel lockende Welt“, und immer wieder um den Tod. „Der Tod gehört zum Leben, und das Leben sorgt für den Tod“, konstatiert Corinna. Während das tragisch-komische Verhör/Gespräch ein sublimes Netz von Motiven webt, die eine Hermeneutik des Verdachts in Gang setzen, findet Joachim plötzlich ein Corpus Delicti: einen einzelnen Zeh im sonst so penibel gereinigten Zimmer. Es entspinnt sich hieraus eine merkwürdige Dramaturgie des Suspense, voll von tiefschwarzem Humor, in die schließlich auch Corinnas Mutter Mechthild verwoben ist. Doch die Frage nach der verschwundenen Leiche, zu der der Zeh gehört, bleibt bis zum Schluss unbeantwortet.
Ein Mensch ist verschwunden, übrig ist nur ein Zeh — ein detektivisches Rätsel, so scheint es. Unterhalb dieser kriminalistischen Konstruktion aber wird ein feines Gewebe von Spuren lesbar, das einen Weg weist zu der größeren Frage, welche Welt Händl Klaus im Blick hat, deren Verschwinden er so raffiniert komponiert. So zeitentrückt und anachronistisch die Stücke von Händl Klaus anmuten — sie scheinen einer nicht allzu fernen, uns jedoch unvertrauten Zukunft zu entstammen, die das Ende der Welt markiert, wie wir sie kannten.
Der „Mensch“, d.h. das Konzept des Menschen, das heute die Agenda aller politischen Parteien und Menschenrechtsorganisationen schmückt, ist gemäß dem Philosophen Michel Foucault eine begrifflich-diskursive Formation, die den veränderten Wissensordnungen zu Beginn der Moderne entsprungen ist. Foucault reflektiert über die Möglichkeit des baldigen Verschwindens des „Menschen“ und seiner unter den Vorzeichen der Moderne konzipierten Geschichte. Im Kontext dieser Annahme – das Verschwinden des „Menschen“ – interpretiert kainkollektiv „Dunkel lockende Welt“ von Händl Klaus.

Fadensonnen
über der grauschwarzen Ödnis. Ein baumhoher
Gedanke
greift sich den Lichtton: es sind noch Lieder zu singen
jenseits der Menschen.
(Paul Celan) 

Händl Klaus‘ Poetik des Verschwindens Von Fabian Lettow 
In Händl Klaus‘ Texten haben stets Katastrophen stattgefunden — doch ihr Hergang ist nie Teil der Erzählungen. Sie sind stets vorgängig, verdrängt, erscheinen aber in ihren Wir- kungen umso stärker. Das Trauma ihrer Unabschließbarkeit ist Gegenstand und Medium. Die topographischen Details der „dunkel lockenden Welt“, die Händl Klaus in seinen Texten entwirft, sind mannigfach, sie ergeben ein schemenhaftes, unheimliches, ja gespenstisches Bild. Seine Landschaften werden von Toten, Zombies, Gespenstern bewohnt, die stumm an die Verbrechen erinnern, denen sie zum Opfer gefallen sind. In den Texten tauchen zahlreiche Orte auf, die eine Art globalisierte Landkarte ergeben, in der auch das Erbe der politischen Geschichte unsichtbar verzeichnet ist.
Doch die Stücke spielen nach den Katastrophen, die uns heute drohen. Es ist, als kämen Händl Klaus‘ Stücke aus einer durch derartige Katastrophen infizierten Zukunft auf uns zu — als merkwürdig stille, aber stets unbefriedete Szenarien, in denen das Eindringen einer traumatischen Erfahrung wuchert. Händl Klaus‘ Texte sind aufs Genaueste komponiert: Es handelt sich um eine aus Sprache erzeugte Musik am Rande des Verstummens, um die Musikalität einer kargen und fragmentierten Sprache, die die Traumata, die in ihr aufgehoben sind, nicht blank oder metaphorisch zu benennen versucht, sondern die ihnen vielmehr in den Rhythmen und Zäsuren, in den Fügungen und Entstellungen der Sprache selbst, die eine beschädigte ist, einen Platz einräumt, an dem das traumatische Erinnern wuchern kann: Fragmente einer Sprache des Verschwindens.
Wenn Händl Klaus‘ Texte tatsächlich von einer zukünftigen Welt künden, in der Verschwinden des Menschen im Gange ist, dann liegt die Utopie, die in dieser düsteren Annahme enthalten ist, in der Musikalität seiner Sprache.

kainkollektiv lässt ein musikalisches Treibhaus entstehen, in dem das traumatische Erinnern wuchern kann – traumatische Erinnerungen, die wuchern wie Pflanzen. Inspiriert durch einen langen Monolog über die Photosynthese in „Dunkel lockende Welt“, indem die naturwissenschaftliche und die menschliche Welt aufs merkwürdigste kollidieren, nimmt die schwarze Kriminalkomödie musikalisch unter anderen einen Dialog mit John Cage, mit seinen Kompositionen für Pflanzen auf, deren Variation kainkollektiv gemeinsam mit dem Schauspielerensemble und dem Percussionist Carsten Langer erarbeitet. Zudem beschleunigt der Medienkünstler Malte Jehmlich (sputnic) ähnlich den durch Lichtenergie motivierten Prozessen der Photosynthese das musikalische Wuchern mittels flimmernder Projektionen, zugleich mit dem sterilen, leuchtenden Weiß spielend, das Händl Klaus’ Texte durchzieht und das die sich der bildlichen Repräsentation entziehenden Traumata zu kaschieren versucht. Dabei entstehen klangliche und visuelle Überbelichtungen und Überblendungen, in denen von der Pflanzenwelt überwucherte Ruinen auf ihre offene Zukunft treffen. Welches Gesicht hat die Zukunft? Und wie klingen dessen ungehörte Lieder?

Joachim Hufschmied Matthias Heße
Corinna Schneider Katja Stockhausen
Mechtild Schneider Marieke Kregel

Percussions Carsten Langer 
Klavier Mirjam Schmuck

Inszenierung kainkollektivFabian LettowMirjam Schmuck
Bühne und Videoinstallation sputnic: Malte Jehmlich
Animationsmitarbeit sputnic: Julia Zeijn
Dramaturgie Nicole Nikutowski
Regieassistenz und Abendspielleitung Stefan Eberle
Regiehospitanz Anna Dieren, Alessio Mei

Aufführungsdauer ca. 90 Minuten, keine Pause

Premiere im Schlosstheater Moers 8. Mai 2013
Premiere im Ringlokschuppen Mülheim an der Ruhr  11. Mai 2013

Eine Koproduktion von kainkollektiv mit dem Schlosstheater Moers und dem Ringlokschuppen Mülheim an der Ruhr. Gefördert vom Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen.

Aufführungsrechte Rowohlt Theater Verlag, Reinbek